Chasm City von Alastair Reynolds

Chasm City von Alastair Reynolds ist ein beachtlicher Wälzer von knapp 830 Seiten. Dennoch habe ich ihn in wenigen Tagen verschlungen. Ich habe in der letzten Zeit etliche Bücher gelesen. Vor Allem waren das Klassiker von Asimov, Lem, Strugatzki oder K. Dick. Dennoch hat mich Chasm City am meisten beeindruckt. Ich glaube es liegt daran, dass Reynolds sehr zeitgemäße SF schreibt.

Tanner Mirabel, der Protagonist ist ein Profi-Killer. Sein Werdegang ist nicht weniger unsympathisch: Ursprünglich ein kaltblütiger Heckenschütze, später ein Mann für die dreckigen Aufträge in der Armee, dann letztlich Söldner für einen berüchtigten Kriminellen. Das ist schon mal die erste Hürde die wir beim lesen überspringen müssen:

Der Erzähler ist kein Mensch mit dem wir uns identifizieren wollen.

Ich war in der Tat kurz davor mich auszuklinken und den Roman weg zu legen. Mord, Folter und andere Details sind bei Chasm City keine Ausnahme. Das ist ein Buch das ab 18 wäre wenn es sich um einen Film handelt würde.

Am Anfang des neuen Jahrtausends entstanden trifft Reynolds aber mitten ins Schwarze, denn spätestens seit dem Krieg gegen den Terror bestimmen solche Dinge unseren medialen Alltag. Zudem hat Reynolds etliche Sci-Fi Genres und mehr erfolgreich vermischt: Da ist

  • Cyberpunk
  • Steampunk
  • Gothic
  • Space Opera
  • Military SF
  • Noir Krimi

vertreten.

Zudem ist der Science-Anteil an der Fiction noch deutlich spürbar. Es gibt keine platte Überlichtgeschwindigkeit, die Fauna neu besiedelter Welten wird ausführlich im evolutionären Zusammenhang dargestellt und nicht einfach als Weltraummonster. Selbst die Außerirdischen Zivilisationen denen wir begegnen sind schlüssig vermittelt.

Was aber an Chasm City wohl am meisten fesselt ist wohl die Egoshooter-Perspektive.

Tanner Mirabel tötet wie in einem Computer-Spiel. Er muss sich gegen Feinde behaupten und sogar zwischen Freund und Feind unterscheiden lernen was nicht ganz so einfach ist. Zudem hat die Geschichte zwei zeitliche Rahmen die hunderte von Jahren auseinander liegen und zunächst als eine Art Störfaktor eingeführt werden um in Laufe de Zeit immer stärker in den Vordergrund zu treten.

In der Retrospektive erfahren wir wie der Planet von dem Tanner Mirabel stammt besiedelt wurde. Vor Allem der beschwerliche Weg dahin und die sich zuspitzenden Konflikte während der Genrationen dauernden Reise sind, erzählt aus der Sicht eines kaltblütigen Mörders namens Sky Hausmann durchaus realistisch. Die Schilderung nimmt epische Ausmaße an weil wir ja eigentlich von Anfang an wissen, dass der Planet später Sky’s Edge heißt und letzrere zum Tode durch Kreuzigung verurteilt wurde.

Wie bei einem guten Thriller gibt es zuletzt noch etliche überraschende Wendungen.

Zudem gibt es sogar Anleihen bei Anime oder den Aen Flux Zeichentrickfilmen wie ich finde: Die weiblichen Charaktere sind schön und teils ebenso gefährlich. Reynolds ist also auf der Höhe der Zeit. Da war ich dann auch gewillte ihm einige Anachronismen im ersten Teils des Romans zu verziehen. Würden wir etwa wirklich auf anderen bewohnten Welten immer noch von Weihnachten sprechen?

Ein weiteres Geheimnis der Lektüre von Chasm City ist, dass es weh tut.

Wir werden gezwungen mit zu erleben und mit zu fühlen wie Grausamkeiten begangen werden. Das konfrontiert und mit dem Gewissen des Protagonisten. Auch wir haben kein schlechtes Gewissen zuzuschauen wie das alles geschieht. Reynolds setzt uns also den Spiegel vor.

Trotzdem ist das Buch im Endeffekt nicht unmoralisch. Es handelt sich fast um eine Art Läuterung. Allerdings gibt es bis zum Schluss keine saubere Trennung zwischen Gut und Böse, ebenso wenig wie in der Realität. Was noch unbedingt erwähnenswert ist: Chasm City vermag ganz nebenbei Themen und auch Nachteile von Unsterblichkeit, Nanotechnologie und interstellaren Reisen dazulegen ohne mit dem Zeigefinger vorzugehen. Das ist virtuos.

Fans von gepflegten Dystopien finden sicher auch Gefallen an den gesellschaftlichen Zerfallserscheinungen samt Menschenjagden, endloser Kriege und dem Rückfall in die Zeit des Dampfantriebs.

Chasm City ist 2007 im Heyne Verlag erschienen. Das deutsche Cover gleicht dem gelungenen englischen Original bis auf eine Paar Details, etwa die Schriftart.